Miss Morrisson’s Retirement Home for the Elderly

Lieber Leser, weißt du, was das Wort »elderly« bedeutet? – Eine höchst ärgerliche und geringschätzige Bezeichnung für jeden, auf den sie angewendet wird!

Insbesondere, wenn es sich dabei um einen gestanden Westmann handelt – oder in unserem Fall gleich mehrere. Es ist nämlich ein schönfärberischer Name für ein in die Jahre gekommenes Anwesen, in dem von der Gesellschaft abgelegte Menschen ihre letzten Tage verbringen. Bei uns sagt man Altersheim, was zwar ein ehrlicheres Wort ist, aber von den bedauerlichen Umständen der Einwohner nicht ablenken kann.

So war es kaum weiter verwunderlich, dass das Schild vor »Miss Morrison‘s Retirement Home for the Elderly« regelmäßig mit feurigem Blei zerstört wurde; ein letztes trotziges Aufbegehren der Bewohner des Hauses. In den ersten Monaten kam es nicht selten vor, dass eine gewaltige Ladung Schrot die schön gemalte Tafel in tausend Stücke sprengte. Geschossen wurde aus dem Haus heraus. Meistens aus dem Esszimmer, da es von dort eine gute Schusslinie über die Veranda hinaus auf das Schild gab. Aber Marion Morrison, die Leiterin, hatte sich einen Platz im Westen erkämpft, sie hatte Indianer, Banditen und Ölprinzen überstanden. So ertrug sie auch die Eigenarten ihrer Gäste mit stoischer Geduld und ließ das Schild von Mal zu Mal ersetzen.

Alex Jahnke – Miss Morrisson’s Retirement Home for the Elderly

Eine Kurzgeschichte aus der Anthologie „Reiten Wir! – Phantastikautoren für Karl May“

Wollen Sie mehr erfahren?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.